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Innovationen, Widerstände, Übergänge

Autokompletter Unsinn – Wie das BGH die digitale kulturelle Entwicklung zerstört

Autocomplete – das Wort allein reicht schon aus, um sich sicher zu sein, dass die deutsche Angewohnheit, das Internet für alles und jeden Unsinn schuldig zu erklären, Purzelbäume schlagen wird. Dass allerdings der BGH da nun mitmacht, ist ein Alarmsignal.

Worum geht’s eigentlich:

Wir alle kennen das Prinzip des Multi-Level-Marketings. Für alle, die es nicht kennen: Das ist diese Methode, Freunde und Fremde dazu zu überreden, Hunderte von Packungen Kosmetika oder Pillenfood zu kaufen, um diese dann für einen astronomisch dreisten Preis an andere Freunde und Fremde weiterzuverkaufen. Eingeleitet werden solche Verkaufsgespräche z.B. an Bars mit folgendem Satz: „Ich ernähre mich jetzt ja gesund, solltest du auch mal machen. Ich hab‘ da was für dich.“ So plump, so tumb, aber wie man so schön sagt, sterben die Dummen ja nie aus.

Da die Dummen nie aussterben, sterben auch diejenigen nicht aus, die diese behumsen wollen. Wenn sie dies so machen, dass sie es „im Rahmen der gültigen Gesetze“ machen, sind sie zwar in den Augen sehr vieler Menschen Betrüger, aber nicht für das Gesetz.

Zurück zum Internet, in diesem Fall, mal wieder, Google.

Früher ist man in der Bibliothek zu der freundlichen Person hinter dem Tresen gegangen und hat gefragt: „Ich suche was über diesen König Herodes, der hat doch diese Sache gemacht, diese…“ – „Kindermord“ antwortete dann der Bibliothekar. Er tat das, weil man schon der 15. Schüler war, der da heute fragte, weil alle gerade an diesem doofen Aufsatz saßen.

Der Bibliothekar hatte sich also die beliebten Suchanfragen-Kombinationen gemerkt. Meines Wissens gibt es kein Gerichtsurteil zum Fall Kindermord des König Herodes, aber eine ziemlich einflussreiche Erzählung, die für sich selbst eine Art Wahrheit in Anspruch nimmt (Bibel) behauptet dies. (es gibt aber auch noch andere Indizien).

Dennoch gibt es kein deutsches Gericht, dass König Herodes des Kindermordes verurteilt hat, nur die Geschichte hat über ihn geurteilt (hätte auch anders kommen können.)

Auch der Multi-Level-Marketing-Chef, der jetzt vor dem BGH gegen Google einen vorläufigen Sieg errungen hat, ist nach den Buchstaben des Gesetzes kein Betrüger, sondern nur in den Augen vernünftiger Menschen, die die Pyramidenspiel-Methoden des neuerdings euphemistisch etikettierten „Network-Marketing-System“ als das sehen, was es ist – Betrug an leichtgläubigen Menschen.

Was bedeutet es also, wenn jemand in Zukunft Begriffskombinationen, die ihm nicht schmecken, mal eben bei Google (oder auch anderen Suchmaschinen) verbieten lassen kann? Wäre es zu vergleichen mit oben erwähntem Bibliothekar, dessen stiller Gedankengang dann ungefähr so aussehen würde: „Mein lieber Junge, ich kann dir leider nicht sagen, dass Informationen über König Herodes von deinen Mitschülern wegen ‚Kindermord‘ hier gesucht wurden, weil es kein deutsches Gerichtsurteil zu diesem angeblichen Verbrechen gibt.“

Jetzt kann man sagen, dass im Bereich des Multi-Level-Marketing das „Volksbewusstsein“ ja gar nicht so dumm ist. Es gab aber andere Momente, da war es mit dem deutschen Volksbewusstsein nicht so weit her (gut zu der Zeit waren auch deutsche Gerichte eine Farce, aber sei’s drum).

Es ist also vielleicht sinnvoll, dass man sich bei der Anzeige von Autocomplete nicht auf die von Fall zu Fall pervers-verdrehte Neugier der Menschen („War Bettina Wullf eine Hostess?“) verlässt, sondern sich an die Fakten hält. Gerichtlich festgestellte Fakten. – Aber halt! Ist denn gerichtlich festgestellt, dass dieser konkrete Multi-Level-Marketing-Mann gar kein Betrüger ist? Oder behauptet der das nur? Bei allen guten und richtigen Grundsätzen der Unschuldsvermutung – wenn soviel Leute das Gegenteil vermuten und nach dieser Kombination suchen, dass es bei Google in die Autocomplete-Anzeige rutscht, besteht da nicht wenigstens Anlass dieser kollektiven Vermutung polizeiliche Ermittlungen oder journalistische Nachforschungen folgen zu lassen? Oder ggf. sogar Gesetze zu überdenken? Oder zumindest sich mal zu fragen, ob die ungeprüfte Aussage eines Einzelnen („Ich bin kein Betrüger“) als Löschgrundlage für eine Suchmaschine nicht ausreicht?

Mir ist aus eigner Erfahrung bewusst, wie schmerzlich gefühlt ungerecht es sein kann, wenn man durch Autocomplete-Ergebnisse daran erinnert wird, dass es eine Gruppe von Menschen gibt, die die eigene Personen mit negativen Begrifflichkeit verbinden (Hier verfällt man dann gerne in die Benutzung der Bezeichnung „Der doofe digitale Mob“ ;). Ich kann das also gut verstehen, wenn man liebsten sofort bei Google die Löschung von als ungerecht empfundenen Wortkombinationen in die Wege leiten will. Da kann die Nervendecke schon mal extremst dünn werden. Aber – und das ist ein Aber mit einem Seufzen, dennoch ein Aber – über solche Streitigkeiten entscheidet ab einem gewissen Eskalationslevels (welches bei Autocomplete-Suchergebnissen quasi immer erreicht ist) ein Gericht. Keine Einzelperson, kein Google, keine Standardvorschrift. Suche ist eine wichtige Kulturfunktion, sie als solche zu beschneiden ist ein Eingriff, der nicht aufgrund einer allgemeinen Google-Hysterie übers Knie gebrochen werden sollte.

Der Preis der Freiheit ist das Böse, hat Rüdiger Safranski mal gesagt. Der Preis der Freiheit der Worte im gegenseitigen Umgang in einer durch das Internet intensiver vernetzten Welt ist, dass man Meinungen über die eigene Person mehr ertragen muss, weil sie öffentlich präsenter sind als in vordigitalen Zeiten. Die Konsequenz daraus, ist eine manchmal schmerzhafte und immer anspruchsvolle Weiterentwicklung unserer (Umgangs-)Kultur – zumindest wäre das mein Wunsch. Was ich nicht ertrage ist die spiessig-reaktionäre Art ein Mehr an sozialer Information einfach mit einem Pauschal-BGH-Urteil zu unterdrücken. Das ist keine soziale Evolution, das ist staatliche Ignoranz.

Ich habe keine endgültige Meinung zu diesem erneuten Thema, an dem deutlich wird, dass in Deutschland soziokulturelle Innovation durch das internet nur aus der Warte altbackener „Das darf so nicht sein“-Wahnvorstellungen betrachtet werden, aber das BGH-Urteil hat einen sehr unangenehmen Nachgeschmack.

Die Kritiker des Webs sagen immer, dass der digitale Wandel nicht in seiner Technikinnovation, sondern besser in seiner sozialen Folgenabschätzung bewertet werden solle. Ich teile diese Einstellung, aber „Folgenabschätzung“ ist für mich kein Euphemismus für „Verbieten“, sondern ein ständiges kritisches Hinterfragen der eigenen Kultur. „Panta rhei“, sagte der Panda und baute sich ein Boot.

Linkempfehlungen:

In gewohnt professioneller Manier behandeln die geschätzten Lawblogger von Telemedicus die Grenzen der Rechtmäßigkeit bei Google Autocomplete und Rechtsanwalt Thomas Stadler analysiert und kommentiert gewohnt routiniert.

Der Volltext des BGH-Urteil ist jetzt verfügbar.

Und Kai Biermann von Zeit Online erinnert daran, dass Google halt nur das zeigt, was wir denken.

Ergänzung 29.5.2013:

Prof. Hoeren hat in der FAZ sein fachliches Entsetzen über das BHG-Urteil formuliert: Mit dem Google-Urteil hat sich der Bundesgerichtshof verrannt.

Korrekterweise müsste es in der Überschrift natürlich „der BGH“ nicht „das BGH“ heissen. Da diese URL aber nun breit kommuniziert ist, bleibt dieser Fehler unkorrigiert.

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3 Kommentare zu “Autokompletter Unsinn – Wie das BGH die digitale kulturelle Entwicklung zerstört

  1. ben_
    27/05/2013

    Ich sehe das mit dem BGH-Urteil deutlich anders. Zwei Dinge scheinen mir daran entscheidend.

    1. Es hat nicht das geringste mit Google zu tun. Es geht um die Frage, ob man gerichtglich die Unterlassung bestimmter öffentlicher Äußerungen / Texte / Worte erzwingen kann. Auf diese Frage anwortet unsere Gesellschaft mit: „Ja“. Persönlichkeitsverletzung und Volksverhetzung (um nur zwei Beispiele zu nenen) können gerichtlich eingeklagbare Unterlassungen von öffentlichen Texten / Sprechakten begründen. Und das ist gut so, finde ich. Ich lebe gerne in einem Land, in dem es Grenzen für das gibt, was die Menschenwürde verbietet. Und Ich schätze, das siehst Du ähnlich. Wir diskutieren also nicht mehr darüber _ob_ man etwas verbietet, sondern nur noch darüber, _was_ man verbietet. Wann eine Firma sich als betrügerisch bezeichnenlassen muss und wann nicht … da hab ich keine Ahnung von. Klar ist: Das entscheidet ein Gericht.
    Ob das in Der Zeit veröffentlicht wird oder in Googles Autocomplete-Funktion ist dabei völlig irrelevant. Öffentlichkeit ist Öffentlichkeit und Wer öffentlichkeit herstellt trägt dafür Verantwortung. Meine Meinung.

    2. Das hat alles mit Google zu tun. Es gibt keine neutralen Algorithmen. Das ist eine laientheoretische Vorstellung. Jede automatische Verarbeitung von Texten basiert fundamental auf inhaltlichen Grundannahmen. Und im Fall von Google ist obendrein sowohl die Autocomplete Funktion als auch die Suchergebnisse in hohem Maße von den moralischen Positionen Googles selber gefiltert. Die Vorstellung, dass dort – wie Kai es geschrieben hat – nur gezeigt würde, was wir denken ist zutiefst naiv. Niemand käme auf die Idee, die Bildzeitung würde abbilden, was wir denken, nur weil ihr 3,5 Millionen Menschen jeden Tag Recht geben. Googles Agenda mag weniger drastisch, radikal und offensichtlich sein, als die der Bild, aber Google-Suchergebnisse und die Autocomplete-Funktion sind _redaktionelle_ Angebote. Das halte ich für eine ziemlich entscheidende Ansicht der Dinge.

    P.S.: Die „Bitte bei WordPress.com einloggen“ Kommentar-funktion ist recht nervig.

  2. toughacht
    02/06/2013

    Wenn mich also ein Kollege freundlich und aus Spaß „Pflegefall“ nennt, abschon ich keiner bin, geschweige denn einer sein möchte. Darf ich dann den BGH bitten, diesen Streit zwischen uns zu schlichten. Denn dazu kommt es, wenn ein Teamleiter es nicht schafft, diese Äusserungen durch den Mitarbeiter zu unterbinden.

  3. Pingback: Results for week beginning 2013-05-27 | Iron Blogger Berlin

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 27/05/2013 von in Übergänge, Kultur, Widerstände, Wirtschaft und getaggt mit , .

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