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Innovationen, Widerstände, Übergänge

This Sharing isn’t Caring – AirBnB von NYC nach Berlin

1 Milliarde Dollar Umsatz plante AirBnB dieses Jahr alleine in ihrer ‚Model City‘. Nun könnte mit einem Urteil eines New Yorker Gerichtes das innovative Geschäftsmodell an seine aktuell gesellschaftlich akzeptierten Grenzen gestossen sein (OLLI*). Das kurzfristige kommerzielle Teilen von Wohnraum ist schon länger unter der Beobachtung von lokalen Steuerbehörden, des Hotelgewerbes und besorgten Nachbarn.

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Ob Hawaii, Paris, New York oder bald auch Berlin, bestimmte Vermietungen auf AirBnB und vergleichbaren Platformen sind nach örtlichen Gesetzen und Verordnungen illegal. Allein in New York kann man mit einer einfachen Suche auf AirBnB über 3000 Angebote identifizieren, die mit großer Wahrscheinlichkeit gegen das „Hotel-Law“ aus dem Jahre 2011 verstossen.

Während es in New York den Versuch gibt mit einem ausbalancierten Gesetz den verschiedenen Interessen gerecht zu werden, rahmen in vielen anderen Städten Verordnungen und Steuervorschriften den Markt privater Unterkunftsofferten ein. Schon lange vor dem Aufkommen von Plattformen wie AirBnB oder 9flats waren private Anbieter den lokalen Hoteliers ein Dorn im Auge und weckten die berechtigten Begehrlichkeiten der Steuerbehörden. Dass ein Zuviel an privater Kurzzeit-Vermietung den lokalen Wohnungsmarkt schädigt kommt in Ballungszentren erschwerend hinzu.

In Palma de Mallorca gibt es schon lange eine Einheit der Stadtverwaltung, die – undercover als Touristen getarnt – Privatvermieter aufspüren, die ohne Lizenz Kurzzeit-Vermietungen anbieten. Die Stadtverwaltung auf einer anderen beliebten Ferieninsel, Hilton Head Island in South Carolina, kassierte vor kurzem eine nette sechsstellige Summe, nachdem sie eine kleinere AirBnB-Konkurrenz nach illegalen Vermietungen durchforstete. Die Anmeldungen für Vermiet-Lizenzen stiegt ebenfalls kurz darauf um 135% – es gab wohl plötzlich einige, die ihr schlechtes Gewissen erleichtern wollten.

Die deutschsprachigen Ausgaben von AirBnB, 9flats und andere Plattformen verweisen möglichst versteckt auf die steuerlichen und lizenzbezogenen Aspekte des „Sharing-Spass“ hin. Meist ist es ein kurzer Punkt in den FAQs oder ein kurzer Reminder nach der Anmeldung – mehr nicht. AirBnB hat die klar als illegal erkennbaren Angebote nach Inkrafttreten des Gesetzes in New York in 2011 nicht gewarnt oder herausgenommen.

Sharing is Caring wird „erwachsen“

Was bei Couchsurfing noch den Flair des „Open Web goes Open World“-Spirit atmete, wurde durch seine innovativen und nach einigen Startschwierigkeiten auch überaus erfolgreichen Start-Up-Versionen mitten in althergebrachten Strukturen der Stadtplanung und lokalen Tourismus-Wirtschaft geschleudert. Ob die Wettbewerber (AirBnB, Wimdu, 9flats) gerade in den hart umkämpften Metropolen ihre „Activation-Teams“, die neue private Vermieter („Gastgeber“) anwerben sollten, anhielten, die gesellschaftlichen Aspekte der Veränderungen zu beachten, darf bezweifelt werden. Sollte man von aufstrebenden Start-Ups auch nur bedingt erwarten, denn es ist nicht ihre (primäre) Aufgabe, die verantwortlichen Rahmenbedingungen für eine neue fluide Marktform zu bedenken.

Es ist wichtig, die junge disruptive Kraft der Sharing-Economy nicht ohne Verteidigung gegen die jahrezehntelang gestählten Lobbykräfte etablierter Player wie Hotelier-Verbänden und ihren politischen Freunden zu überlassen. Gleichzeitig sollte man auch nicht blind sein gegenüber den akut negativen Folgen der Privatraum-Plattformen sein: Verlust von Mietraum, Verlust von Umsätzen im klassischen Übernachtungsgewerbe.

Es ist wichtig, sich konstruktiv und über den digitale Graben hinweg mit diesen Problemen auseinanderzusetzen. Wenn jetzt auf Twitter Schlachtrufe wie „NYC- Law is destroying the Sharing Economy“ hochkommen, ist das falsch. Wenn man den Vorwürfen, AirBnB hätte wie Google Book erst einmal illegale Zustände geschaffen, ein schlichtes „Legalize AirBnB!“ entgegenschmettert, wird es keinen sinnvollen Fortschritt geben.

Es braucht auch in Deutschland mehr verantwortliches gesamtgesellschaftliches Denken derjenigen, die das Disruptive geniessen. Websites wie shareable.net bringen den kritisch-progressiven Diskurs mit konkreten Beispielen und Nachdenken über „the big picture“ voran – wo ist ihr deutschsprachiges Dependant?

Die Berliner Politik sollte sich ein Beispiel an San Francisco nehmen, wo der Oberbürgermeister kürzlich die Sharing Economy Working Group eingerichtet hat, „to take a comprehensive look at the economic benefits, innovative companies and emerging policy issues around the growing ’sharing economy”. AirBnB wird nach dem heutigen Urteil sein Marktgewicht nun in die nächste Runde werfen und die Lobbyarbeit erhöhen. Was wird in Deutschland passieren?

Weiterführende Links: Gute Übersicht über die Situation in New York gibt dieser Artikel in The Verge

* (OLLI = Obligatory Lobo Link)

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4 Kommentare zu “This Sharing isn’t Caring – AirBnB von NYC nach Berlin

  1. Pingback: This Sharing isn’t Caring – AirBnB von NYC nach Berlin | Anders | Berlin News Pipe

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  4. Pingback: Privat gegen Staat – Staat will Steuern erheben: Private Vermietung wird illegal | staseve

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21/05/2013 von in Übergänge, Innovationen, Widerstände, Wirtschaft und getaggt mit , , , , , .

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