Anders

Innovationen, Widerstände, Übergänge

Kollaborativer Konsum und die platzenden Wachstumsträume von Tante Merkel

Wachstum. Der letzte Gott dieser Tage, der im Westen nicht gelästert werden darf. Trotz all der Clubs of Sonstwo sowie der nachhaltigen Etablierung des Wortes Nachhaltigkeit in quasi jedem Kontext, sind wir immer noch diesem ebenso schwammigen wie gefährlich irreführenden Begriff „Wachstum“ verhaftet. Wir akzeptieren, dass in dessen Name Unfassbares mit unserer Gegenwart und Zukunft von den regierenden Kräften beschlossen und umgesetzt wird.

Sicher kann man über die linke Kampfromantik, mit der Jens Berger in schöner Regelmässigkeit Merkels Agenda des Schreckens seziert und offenlegt den Kopf schütteln, ist doch der Glaube an eine Wiederkehr von Lohnniveaus aus der goldenen Epoche des Konsum-Kapitalismus (1960-1990) in dem Maße verwirrend, wie es Berger gleichzeitig gelingt die Merkelsche Variante der Schock-Strategie zu entzaubern. „Ein Europa, das nur dazu dient, die Demokratie, Souveränität und Mitbestimmung der Europäer auszuhebeln, hat keine Zukunft und auch keine Daseinsberechtigung.“ schreibt Jens Berger. Doch welches Europa im Detail, welche soziale und wirtschaftliche Realität des Lebensalltags soll es denn dann sein? Und wo werden solche Fragen im Kontext des digitalen Wandels zu einer Netzwerkgesellschaft in Europa diskutiert?

Ich denke und will das heute nur anregen nicht ausführen, dass wir dringend die Impulse aus der globalen Diskussion über bessere Standards und Indices für Lebensqualität anwenden müssen, um konkret aus dieser Falle auszubrechen. Die Krise (Europas) ist aktuell ein Laufen im Hamsterrad einer falschen Doktrin des Wachstum.

Wenn man den Blog der Enquetewatch liest, die die Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität (#ewwl) kritisch begleiten, wird deutlich, wie unwillig die aktuell regierenden Kreise sind, sich mit einem tatsächlich anderen Weg auseinanderzusetzen. Das kolossale Versagen dieser Enquete-Kommission lässt das oft beklagte Gedödel in der „Internet-Enquete“ (#eidg) geradezu als konstruktiv erscheinen. Die regierenden Parteien verspielen in der #ewwl Chancen auf eine Weiterentwicklung genau der Rahmendingungen, in der die Nerds der #eidg agieren.

Doch wo bleibt das konstruktive Zusammenwachsen derjenigen Kreise, die im Internet einen Gamechanger sehen und denen, die wissen, dass „eine andere Welt möglich ist“? Und jetzt bitte nicht kommentieren, es gäbe doch so Websites wie utopia.de und überhaupt wäre „sharing is caring“ doch voll nachhaltig. Mag ja sein, aber die wirtschaftliche Realität der meisten Menschen ist (noch) eine andere.

Es wird Zeit, Dinge zusammenzuführen. Auf Breitband wurde dieses Wochenende gefragt „Kann kollaborativer Konsum unsere Gesellschaft verändern?“ – Langsam werden die richtigen Fragen gestellt, aber es braucht auch Leute, die das unter einer erneuerten gesellschaftlichen Gesamtlogik zusammenführen. Ich verbiete mir mittlerweile da auf die Piraten zu hoffen, auch wenn einige Texte von @Afelia ja immer wieder in eine mögliche sozialliberale 21st century-style Ausrichtung zeigen.

Ich bin seit langem begeisterter Verfechter kollaborativer netzbasierter Methoden. Auf Socialcamps, Social-Entrepreneur-Treffen usw. der letzten 5-6 Jahre lernte ich immer mehr Menschen kennen, die bewusst oder unbewusst diese Richtung einschlugen. Es werden kommerzielle oder zivilgesellschaftliche Websites gelauncht, die den Kern des Wandels in sich tragen. Ob couchsurfing oder 9flats oder die vielen weiteren Projekte, die in nachstehendem hörenswerten Beitrag aufgeführt werden – all das sind Träger eines neuen Verständnisses von Lebensqualität jenseits des mittlerweile so albernen Wortpaares „Kapitalismus/Sozialismus“

 

Wenn die Wirtschaftszeitschrift Impulse titelt „Kaufst du noch oder teilst du schon?“ (pdf) oder MIT-Professoren wie Rachel Botsman über „The Rise of Collaborative Consumption“ praxis-philosophieren oder hiesiger Vordenker wie Kathrin Passig feststellen, dass „wichtige Gründe für den Besitz weggefallen sind“, sollte doch langsam auch für die netzaktive Mischpoke der Moment gekommen sein, den Blick vom Monitor zu heben und über die verantwortliche gesamtgesellschaftliche Bedeutung von „sharing is caring“ nachzudenken. Marx „Das Kapital“ ist overrated – Wer schreibt „Das Digital“?

Die gesellschaftliche Evolution, mag sie noch so voll mit Kompromissen und Artefakten der alten Ordnung sein, sollte von uns nicht nur an ihrem digitalen Schopf gepackt, sondern an ihren neuen Wurzeln eines anderen Miteinanders verstanden werden. Das ganze richtigerweise begeisterte Gewusel um Begriffe wie “share economy“ oder “collaborative consumption“ braucht ein breites Nachdenken über eine Gesellschaft, deren vorherrschenden Maßstäbe für Lebensqualität für alle, ob links oder rechts, auf diesen Paradigmen des Netzwerkes beruhen. Die Uhr tickt.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Kollaborativer Konsum und die platzenden Wachstumsträume von Tante Merkel

  1. Pingback: Results for week beginning 2013-01-21 | Iron Blogger Berlin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 27/01/2013 von in Übergänge, Wirtschaft.

Twitter

re.publica 2013

Die re:publica startet:

re:publica 20136. Mai 2013
%d Bloggern gefällt das: