Anders

Innovationen, Widerstände, Übergänge

Diese Fotonutzung ist illegal – und das ist gut so.

Es ist schon erstaunlich, welche imho digitalen Selbstverständlichkeiten heutzutage höchstrichterlich festgestellt werden müssen. Noch erstaunlicher finde ich den geradezu reflexhaften Aufschrei von Teilen der „Netz-Szene“ danach. Mashable spricht natürlich gleich von „dramatischen Konsequenzen“, die dieses überfällige Urteil nach sich ziehen wird. Ehrlich, ich kann dieses unproduktive Geschrei nicht mehr ab. Und dazu gehört auch der Kindergarten der deutschen Blogosphäre, die sich wegen Bild-Abmahnungen in die Hose machen.

Es wird Zeit aus dem aktuellen Diskussionsstand endlich mal einen funktionierenden Kompromiss zu finden, damit dieses schädliche Unsicherheitsgefühl mal ein Ende findet. Gerade in den zart-digitalisierten Kreisen der Bevölkerung, die nicht täglich auf Rivva vorbeischauen, wächst eine Unlust auf eigenständiges Nutzen des Webs, wenn hier nur gezofft wird statt existierende Lösungen zu implementieren. Vielleicht sollten wir uns klarmachen, dass wir gerade den 10. Geburtstag von Creative Commons gefeiert haben und es jetzt mal an der Zeit wäre, diese sinnvolle Erweiterung in unser aller alltägliches Rechtsverständnis einzufügen.

Doch erstmal die aktuelle Story: Agence France Press (AFP) hatte 2010 Erdbeben-Fotos aus Haiti veröffentlicht und über Getty verteilt, die der Fotojournalist Daniel Morel auf seinem Twitteraccount gepostet hatte. Der Richter hat nun geurteilt, dass Reuters und (via Getty) die Washington Post die Fotos rechtswidrig verwendet haben und deswegen Lizenzgebühren an Daniel Morel zahlen müssen. Ich kann gar nicht fassen, dass dieser alberne Streit seit 2010 vor Gericht ausgetragen werden musste. AFP hat doch tatsächlich argumentiert, dass wenn die Fotos einmal auf Twitter gepostet wären, dürften sie frei verwendet werden! Also ich bin ja nun wirklich kein Old School-Urheberrechtsverfechter, aber da fasst man sich doch an den Kopf, wenn man so eine Dreistigkeit liest.

[tweet https://twitter.com/nic0/status/291476815946596352]

Update! – In einer weiteren aktuellen Story zeigen sich die Medien (z.B. The Daily Mail, die Sun, The Guardian, Sky News oder der Evening Standard) bereit, nachträglich für die Verwendung von Twitter-Fotos & -Videos zahlen zu wollen. In diesem Guardian-Artikel wird explizit auf das US-amerikanische Urteil Bezug genommen.  Die Fotos und Videos des gestrigen Hubschrauberunfalls in London der Twitternutzer @nic0 , @craiglet und @Tom_Avis fanden breite Verwendung. In dieser völlig lizenz-unsicheren Situation treten natürlich sofort die Geier auf, die den beiden Twitterern empfehlen aus den Unglücksfotos Tausende von Euros Gewinn zu machen. Es ist keine Schande, mit aktuellen Fotos Geld zu verdienen, im Gegenteil. Nic Walker, der Mann hinter @nic0 twitterte aber: „Amazing how many people are encouraging me to make money from a few incidental photos of a horrible fatal accident. Just credit me!“ – Es wäre schön gewesen, wenn Twitter ihm diese Aussage bereits beim Foto-Upload mit einer Creative Commons-Lizenz-Auswahl geboten hätte. – Update Ende! (17.1.2013)

Und vorallem -> Die Social Media-Anbieter stehen hier in der Mitverantwortung für dieses Chaos, allen voran Facebook (inkl. Instagram) und Twitter, die zwar peinlichst genau auf ihr eigenes Wohlergehen in ihren AGBs achten, aber nicht die Bohne gesellschaftliche Verantwortung an den Tag legen. Beispiel: Ein simples, irgendwo in den AGBs verstecktes „Twitter respects the intellectual property rights of others and expects users of the Services to do the same.“ reicht nicht aus, um ein für alle gerechtes aka um die Creative Commons erweitertes Lizenzsystem kulturell zu etablieren.

Dass es auch anders geht, zeigt flickr seit Jahren. Erstens hat flickr die Wahl der Lizenz für ein Foto beim Upload-Prozess bequemst eingebaut. Mit persönlich einstellbaren Default-Settings aber auch von Foto zu Foto kann ich ohne viel Aufwand entscheiden, welche Lizenz ich dem Foto zuordnen will. Ebenso bietet flickr eine automatische Connection zu der Bildagentur Getty an.

Es geht also, wenn man will. Es geht also, wenn man nicht, wie Facebook, Twitter, Instagram u.a. bewusst die rechtliche Klärung der Besitz- und Lizenzfragen offen lässt und damit gesellschaftliche Konfusion in Kauf nimmt. (Hat Eyeem eigentlich eine easy-to-handle Lizenz-Einstellung für den User?). Mit ist klar, dass wegen der Bundestagswahl dieses Jahr mit keinem politischen Durchbruch bei der Urheberrechtsdebatte zu rechnen ist (inakzeptabel, aber ist so) – deswegen muss der gesellschaftliche Konsensfindungsprozess hier umso mehr vorankommen.

Die Nutzungsschranken sind auszuweiten, das deutsche Urheberrecht darf nicht länger ein Paradies für die Abmahnungsschmarotzer sein. Die Vermittlung des reichlich ausgereiften Systems der Creative Commons muss in Bildung, Wirtschaft und Gesellschaft endlich mit konkreten Schritten implementiert werden. Und ja, wir alle müssen einsehen, dass die leidenschaftlich verteilten allseits beliebten Katzenfotos ohne eine lizenzrechtliche Kennung (bevorzugt natürlich cc-by-sa) eben auch eine (kleine) Rechtsverletzung darstellen.

Nicht falsch verstehen, ich will, dass mehr geteilt wird. Aber ich will auch, dass diejenigen, die die Fotos produzieren, bewusst und bequem entscheiden können, unter welcher Lizenz dies geschehen soll. Dann macht auch das Bloggen wieder mehr Spass und diese schmarotzenden Abmahner können dahingehen, wo sie hingehören.

Update II 17.1.13: @drikkes wies in den Kommentaren darauf hin, dass es eine zusätzliche, nicht von Instagram, sondern einem engagierten Programmierer erstellte API gibt, mit der Instagram-Fotos unter eine CC-Lizenz gestellt werden können. Dies geschieht nicht in Instagram, ist somit also nur eine Behelfslösung, die in keinster Weise die Platformanbieter von ihrer Pflicht befreit hier selbst konstruktiv tätig zu werden. Die Website heisst: http://i-am-cc.org/

—-

Disclosure: Ich bin seit mehreren Jahren (meist) zufriedener (pro-account)-Kunde von flickr, stehe aber sonst aktuell in keinem Geschäftsverhältnis mit flickr oder yahoo.

Advertisements

8 Kommentare zu “Diese Fotonutzung ist illegal – und das ist gut so.

  1. Mario
    16/01/2013

    Ich begrüße das Urteil auch. Sonst könnte ja jeder von mir anonym ein Foto twittern oder gesichtsposten und somit wäre es frei für alle Agenturen und Blogger.
    Das mit der integrierten frei wählbaren Lizenz des eigenen geposteten Fotos wird sicherlich auch schwierig. Wenn das Foto über ich sag mal ein paar russische Server getauscht wurde, ist auch die schöne Lizenz nicht mehr das was es mal war. Ich könnte auch anonym auf flicker fremde Fotos frei geben… Alles sehr schwierig denke ich.
    Die einzigen Lösungen sind und bleiben den Rechteinhaber ausfindig zu machen und dann höflich zu fragen oder selbst zu fotographieren.
    Mit fremden Federn schmückt man sich nun mal nicht.

  2. Thomas Schmidt
    16/01/2013

    Die CC-Lizenzen sind für fast jeden vollkommen nutzlos. Ein Beispiel. In der CC-BY-SA steht: „Unter den Bedingungen dieser Lizenz räumt Ihnen der Lizenzgeber … das vergütungsfreie … Recht ein, den Schutzgegenstand auf die folgenden Arten und Weisen zu nutzen“ Ein intelligentes Profi-Model meinte in bezug auf den Satz zu mir, mit Bildern unter der Lizenz dürfte kein Geld verdient werden. Das ist natürlich vollkommen falsch.

    Fast jeder andere, mit dem ich arbeite, versteht nicht mal ansatzweise die Kurzfassung der CC-BY-SA. Auch Profi-Designer nicht. Die Lizenz ist leider eine reine Selbstbefummelung.

    Mit Abstand betrachtet ist es bescheuert, Werke überhaupt mir Auflagen versehen zu wollen. Nicht mal die Namensnennung lässt sich beim Witzeerzählen am Stammtisch oder beim täglichen Copy&Paste auf Facebook aufrecht erhalten.

  3. drikkes
    17/01/2013

    Das ist natürlich Mumpitz. http://i-am-cc.org/

    • drikkes
      17/01/2013

      Ich kann nicht mit einer Mailadresse kommentieren, die ich für wp.com verwende, wenn ich nicht den wp.com-Account als Autorenverlinkung benutzen möchte?

    • Jens Best
      17/01/2013

      Erstmal: Cool, dass eine Instagram-API programmiert wurde, die es dem User nachträglich ermöglicht seine Instagram-Fotos unter eine CC-Lizenz zu stellen.
      Sicher sind knapp 5000 teilnehmende Personen im Vergleich zu den pro Tag auf Instagram hochgeladenen 5 Millionen Fotos noch nicht viel, aber immerhin.

      Warum dadurch allerdings mein Blogpost „Mumpitz“ sein soll, verstehe ich nicht. Weder Facebook, Instagram oder Twitter bieten eine eigene bequeme Möglichkeit der freien persönlichen Lizenzwahl für die Nutzer.

      Wie ich bereits im Blogpost ausführte, handelte es sich um ein größeres Problem der gesellschaftlichen innovativen Weiterentwicklung im rechts-sicheren Teilen von Inhalten. Da macht eine von einem engagierten Programmierer erstellte, aber wenig bekannte und vor allem nicht in die Kernanwendung implementierte API leider keinen Sharing-Frühling.

      Ich werde den Link allerdings im Blogpost als Update einfügen.

      OT: Zu deinem WordPress-LogIn-Problem kann ich dir nicht weiterhelfen. Geht mir aber wenn ich von meinem Android-Handy aus kommentiere genauso.

  4. Pingback: WG041: Jenseits des Krauts | Wikigeeks

  5. Pingback: Results for week beginning 2013-01-14 | Iron Blogger Berlin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16/01/2013 von in Übergänge, Journalismus, Widerstände, Wirtschaft.

Twitter

re.publica 2013

Die re:publica startet:

re:publica 20136. Mai 2013
%d Bloggern gefällt das: